Jahrestagung der kirchlichen Bibliotheken 2016

Jahrestagung der kirchlichen Bibliotheken 2016

Das Zisterzienserinnenkloster Mariastern-Gwiggen in Vorarlberg beherbergte heuer die Jahrestagung der kirchlichen Bibliotheken. Am 13. und 14. Juni 2016 tagte hier die Arbeitsgemeinschaft der Ordensbibliotheken gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft katholisch-theologischer Bibliotheken (Landesgruppe Österreich/Schweiz/Südtirol), insgesamt trafen einander 20 TeilnehmerInnen.
Ein Schwerpunktthema der Tagung war die Bibliotheksgeschichte. Die Geschichte, welche Bücher vom Kloster erworben wurden, auf welchem Weg sie in eine Bibliothek gelangten und wie sie verwendet wurden, sagt viel über die Geschichte des Klosters selbst aus. Wie man Bucheinbände und handschriftliche Einträge in Büchern als Quelle für die Bibliotheksgeschichte heranziehen kann, erläuterte Armin Schlechter von der Pfälzischen Landesbibliothek in Speyer in seinem Eröffnungsreferat. Er beschrieb den Buchschmuck der Einbände frühneuzeitlicher Drucke, besonders die Formen jener Metallstempel und -rollen, mit denen Muster in einen Ledereinband geprägt wurden. Die Art der Stempel und Muster gibt Aufschluss über die Buchbinderwerkstatt und damit die Herkunft (Provenienz) des Buches. In der Einbanddatenbank, die auch online zur Verfügung steht, kann man Muster einsehen, die dort Werkstätten zugeordnet sind. Auch Besitzvermerke und Exlibris sind wertvolle Hinweise auf die Geschichte eines Buches in einem Bestand.
Der Frage, ob die Geschichte und die Zusammensetzung einer kirchlichen Bibliothek vom „Index verbotener Bücher“ beinflusst war, ging Markus Bürscher von der Diözesan- und Universitätsbibliothek Linz nach. Er erzählte, dass man in der Linzer Diözesanbibliothek wie in vielen kirchlichen Einrichtungen verbotene Bücher, besonders protestantische Literatur aus der Reformationszeit, besitzt, diese jedoch unter Verschluss waren („Giftschrank“). In viel späterer Zeit war man sich der Bedeutung dieser Versperrung nicht mehr bewusst, hielt die verschlossenen Buchbestände für die wertvollsten und brachte sie im Tresor unter.
Hanspeter Marti von der Arbeitsstelle für kulturwissenschaftliche Forschungen in Engi (Schweiz) erläuterte die Geschichte der Bibliotheken in Kapuzinerklöstern und strich die Unterschiede zu den Bibliotheken in den Prälatenklöstern heraus. Altabt Kassian Lauterer von der Zisterzienserabtei Wettingen-Mehrerau berichtete über die Geschichte des Inkunabel- und Frühdruckebstands seines Klosters, der sehr eindrucksvoll die wechselvolle Geschichte des Hauses wiederspiegelt.
Die letztgenannten Vorträge werden im Herbst in der neuen Zeitschrift des Referats für die Kulturgüter, in den „Mitteilungen des Referats für die Kulturgüter der Orden (MiRKO)“ erscheinen.
Ein bibliothekspraktisches Thema behandelte Manfred Massani von der Provinzbibliothek der Kapuziner in Innsbruck. Er stellte die verschiedenen Möglichkeiten vor, wie Bücher in einer Bibliothek aufgestellt werden können. Eine systematische Aufstellung orientiert sich an einem System der Wissenschaften. Die Regensburger Verbundklassifikation ist dafür ein Beispiel. Die Buchsignatur gibt die Systematik wieder. Eine systematische Aufstellung empfiehlt sich bei Freihandaufstellungen, wenn LeserInnen die Bücher selbst im Regal entnehmen. Für eine Magazinaufstellung wird eine mechanische Aufstellung benützt, bei der die Bücher platzsparend nach Format aufgestellt sind, versehen mit fortlaufenden Nummern. Manfred Massani erläuterte, dass in der Kapuzinerbibliothek eine Gruppenaufstellung gewählt wurde. Dabei wurden Fachgruppen definiert, nach denen die Bücher systematisch aufgestellt sind. Fachgruppen sind in Abteilungen zusammengefasst und in Untergruppen unterteilt (dreistufige Hierarchie). In einem Regal ist eine Fachgruppe untergebracht, wobei die Bücher nach Format in verschiedenen Fachböden stehen. Die Ordnung der Fachgruppen ergab sich teilweise aus historischen Bibliothekssystematiken, weil auch der Altbestand in die Fachgruppenaufstellung einbezogen wurde und keine Sonderaufstellung hat.
Zum Tagungsprogramm gehörte auch eine Führung durch das Zisterzienserinnenkloster, das 1856 gegründet wurde, jedoch aus drei mittelalterlichen Schweizer Stammklöstern hervorgegangen ist. Darum beherbergen Archiv und Bibliothek auch bedeutenden Altbestand. Besonders außergewöhnlich waren auch einige Klosterarbeiten: kleine Kassetten wie Puppenhäuser, die eine religiöse Szene und im Hintergrund eine Nonne hinter Klausurgittern darstellen. Solche Kassetten erhielten wohl früher die Verwandten einer Schwester beim Ordenseintritt.
Eine Exkursion führte in die Klosterbibliothek Mehrerau, wo seit zehn Jahren in einem drittmittelfinanzierten Projekt an der Erschließung und Neuaufstellung des Bestands gearbeitet wird. Frau Becker erläuterte ihre Arbeit an den Frühdrucken und Inkunabeln, Abt Kassian und Karl-Heinz Lauda führten durch Haus und Bibliothek, wobei besonders der neugotische Bibliotheksraum großen Eindruck gemacht hat. Nicht weniger imposant ist die Vorarlberger Landesbibliothek, die seit 1985 im ehemaligen Benediktinerstift St. Gallus untergebracht ist. In der Stiftskirche befindet sich jetzt ein Lese- und Veranstaltungssaal. Der historische Buchbestestand des Landesbibliothek besteht im wesentlichen aus kichlichen Beständen, etwa aus der Bibliothek des ehemaligen Jesuitenkollegs und -gymnasiums Stella Matutina und der Bregenzer Kapuzinerbibliothek.
im Konferenzteil der Tagung wurde das Thema des nächsten Bibliothekskurses am 14./15. Februar 2017 in Salzburg beschlossen: es soll diesmal um Musikalien, Kleinschriften, die auch Noten enthalten, Liturgica und ähnliches gehen. Die nächste Jahrestagung wird am 22./23. Mai 2017 im Stift Herzogenburg stattfinden. Weiters wurde darauf hingewiesen, dass als Kommunikationsmittel für die kirchlichen Bibliotheken die Yahoo-Gruppe Kibib verwendet werden kann.
Trotz Regenwetter ging die Tagung in bester Stimmung der anwesenden Bibliothekarinnen und Bibliothekare mit vielen neuen Eindrücken und Begegnungen zu Ende. Besonders für die gastfreundliche Aufnahme der Schwestern, mit denen wir auch das Chorgebet teilen durften, sagen wir herzlichen Dank!

  

Farbbalken