Verloren

 Pater Vahan im Klosterkeller © Gianmaria Gava für DIE ZEIT

Auch ein Klosterlikör ist ein Kulturwert, besonders jener, der seit Generationen im Wiener Mechitaristenkloster hergestellt wird. Das Rezept ist streng geheim - und plötzlich verschwunden, wie die Wochenzeitung „Die Zeit“ in ihrer aktuellen Ausgabe berichtet.

Der süffig-würzige Likör namens Mechitharine wird von Pater Vahan allen Besuchern des armenischen Klosters kredenzt. Er ist eine der wichtigsten Einnahmenquellen der Mechitaristen. Er wird im Klosterkeller hersgestellt und seit 1889 in die ganze Welt verkauft. Doch den Patres sind die Rezepturen für die sechs Varianten ihres Trunks abhanden gekommen. Diese waren natürlich streng genheim und nur immer zwei Mönche wurden in die Kunst der Likörerzeugung eingeweiht. Einer dieser beiden lebt mit fortgeschrittener Demenz in einer Pflegeeinrichtung, und der andere ist vor Kurzem entschlafen, ohne einen Mitbruder eingewiesen zu haben.

In 37 Fässern, einige mit bis zu 2500 Litern Fassungsvermögen, reifen die Liköringredienzen: in Cognac angesetzte Bergamotten und Datteln, Schafgarben und blaue Weintrauben, Rosen und Orangenblüten. Es wäre natürlich ein leichtes, die einzelnen Zutaten der verschiedenen Varianten des Likörs in einem Labor bestimmen zu lassen. Pater Vahan hat eine billigere Variante gefunden und aus der Buchhaltung die Einkäufe der Zutaten herausgeschrieben. Damit ist aber noch nichts über das Mischungsverhältnis und die Länge der Reifung gesagt. Manches, wie die Pfefferminze, muss nur ein paar Wochen in Alkohol auslaugen, anderes viele Jahrzehnte. Pater Vahan hat aber in der reichhaltigen Handschriftensammlung das orginale Likörrezept aus dem Jahr 1680 ausfindig gemacht. Mechitar, der Ordensgründer, soll die Rezeptur selbst aus Armenien über Konstantinopel nach Venedig gebracht haben.

Für Pater Vahan heißt es jetzt ansetzen, mazerieren lassen, mischen und probieren - so oft und so lange, bis das Ergebnis wieder an das herankommt, was als Mechitharine bekannt ist.

Quelle: Die Zeit, 8. Jänner 2018

 

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