Was tun mit den alten Noten? Rückschau auf den Workshop Musikarchive in Stift Melk 1./2. März 2019

Am 1. und 2. März 2019 veranstaltete das Referat für die Kulturgüter der Orden gemeinsam mit dem Stift Melk und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) einen „Crashkurs zum Musikarchivar“. Es freut uns, dass die Veranstaltung auf großes Interesse gestoßen ist und viele TeilnehmerInnen aus der österreichischen Ordenslandschaft vertreten waren – wie etwa von den Ursulinen, dem Kloster Nonnberg, den Karmeliten, der Missionskongregation der Dienerinnen des hl. Geistes und von den Stiften Heiligenkreuz, Herzogenburg, Rein, Schlägl und St. Florian. Traditionell unterstehen die Musikarchive in vielen Ordenshäusern den Bibliotheken, wo sie die Verantwortlichen aber oft vor große Herausforderungen stellen – schließlich handelt es sich dabei meist um einen Mischbestand von handschriftlichen Notenmaterial und Aufzeichnungen, Drucken, Liturgica und Lehrwerken. Nicht selten ist auch eine Sammlung von Musikinstrumenten vorhanden. Was also tun mit den alten Noten?
Ziel dieses Kurses war es, den für Musikarchive Verantwortlichen theoretisches und praktisches Grundwissen zu vermitteln. Kursinhalte waren daher Quellenkunde (Papiertypen, Lagerung, Schädlingsvorbeugung etc.), aber auch Fragen der Verzeichnung und Erschließung von Notenmaterial (Wie katalogisiere ich? Wie identifiziere ich anonyme Werke?). Es wurden praktische Hilfsmittel für die Recherche im Internet gezeigt und aktuelle musikwissenschaftliche Projekte vorgestellt. Außerdem wurden das Referat für die Kulturgüter der Orden und das Niederösterreichische Landesarchiv als jene Institutionen vorgestellt, die fachliche Hilfestellung anbieten und Kontakte mit ExpertInnen vermitteln können.
Elisabeth Hilscher, ÖAW, vermittelte Basiswissen zum Aufbau und zur Bewahrung von Musikarchiven. Sie gab hilfreiche Tipps für eine klassische Ordnung und Bestandsaufnahme und erklärt, wie Musikalien sachgerecht gereinigt werden können. Im Zuge der Aufarbeitung heiße es Sichten und Ordnen, wobei auf bereits vorhandene Ordnungen Acht gegeben werden soll. Sauberkeit spielt eine wichtige Rolle bei der Vermeidung weiterer Schäden (etwa durch Schädlingsfraß). Bei den Verpackungs- und Lagermaterialien sollte auf säurefreie und alterungsbeständige Kartons zurückgegriffen werden. Anhand von Beispielen wurde ersichtlich, das historische Papierarten, wie Büttenpapier (hergestellt aus Leinenlumpen) wesentlich länger haltbar sind, als industriell hergestelltes Papier aus dem 19. Jh. Die Teilnehmer konnten verschiedenes Anschauungsmaterial wie Tinten, Rötel und Farbstifte auch selbst erproben.

Martin Haltrich, Bibliothekar des Stiftes Klosterneuburg, berichtete über die Neugestaltung des Musikarchivs in Stift Klosterneuburg, das im Zuge eines Umbaus nun im repräsentativen Kleid erscheint. Nicht nur die richtigen klimatischen Bedingungen war dabei zu beachten, sondern auch ein Augenmerk auf Sicherheitsvorkehrungen gegen Brand und Wassereintritt zu legen. Eine Kooperation mit der Akademie der Wissenschaften ermöglichte, näheres über die Sammlungsgeschichte des Musikarchivs in Stift Klosterneuburg herauszufinden. 440 verschieden Komponisten sind seither im Register erfasst, die es nun weiter zu erforschen gilt.
Johannes Prominczel, Musikarchivar des Stiftes Melk, gab wertvolle Tipps zur Recherche im Internet und stellte verschiedene Datenbanken vor. Er zeigte anschaulich, welche Schritte man setzen kann, um die eigene Sammlung zu ergründen. Er selbst will als Musikarchivar nicht nur katalogisieren, sondern auch die Geschichte „seines Hauses“ kennenlernen. Johannes Prominczel: „Wo kommen die Noten her? Wer hat musiziert?“. Es gibt viele Fragen, die ihn bewegen und die es zu lösen gibt.
Eva Maria Stöckler, Leiterin des Zentrums für Angewandte Musikforschung an der Donauuniversität Krems, stellte das Projekt KlosterMusikSammlungen vor. Ziel ist die vernetzte Erschließung der klösterlichen Musikbestände. Vorerst wurde mit der Aufarbeitung der Musikbestände aus den Stiften Göttweig, Klosterneuburg und Melk begonnen, eine Erweiterung auf weitere Bundesländer ist aber angedacht. Gegenstand der digitalen Erfassung sind Personendaten (etwa zu den Komponisten, Musikern und Auftraggebern), aber auch Aufführungsdaten, sowie Hinweise auf persönliche Kontakte und Austauschbeziehungen untereinander. Wichtige Quellen dafür sind – neben den eigentlichen Noten – auch Korrespondenzen und Rechnungsbücher. Ziel ist es, die digitale Aufarbeitung mit bereits vorhandenen und international anerkannten Datenbanken (etwa RISM) zu verknüpfen. 
Karin Mayer, Leiterin des Referats für die Kulturgüter der Ordensgemeinschaften Österreichs, möchte „das musikalische Erbe der Ordensgemeinschaften in Österreich wieder mehr in das Bewusstsein der Menschen bringen“. Sie meint: „Es ist wichtig, die vielfältigen Musiktraditionen in den Ordensgemeinschaften zu dokumentieren. Dabei denke ich nicht nur an die Entwicklungen in den großen Stiften, sondern auch an die Musikpraxis in den kleineren Gemeinschaften.“ Karin Mayer stellte das Referat für die Kulturgüter als Anlaufstelle für Fragen im Umgang mit Kulturgütern vor. Seit 2016 werden verstärkt Beratungen in den Ordenshäusern angeboten, die sofortige Hilfestellungen ermöglichen. Als Servicestelle werden Richtlinien, Handreichungen, Leihverträge und Tipps zur Materialbeschaffung angeboten. Ebenso kann Fachpersonal für verschiedene Erschließungsprojekte oder Restaurierungs- und Inventarisierungsvorhaben vermittelt werden.

Elisabeth Loinig, Historikerin und Archivarin am Landesarchiv Niederösterreich, erklärte Grundlegendes zum Beruf des Archivars. Sie verwies auf die gesetzlichen Rahmenbedingungen wie Archivgesetze, Denkmalschutzgesetz, Datenschutzgrundverordnung und Personenstandsgesetz. Zudem machte sie darauf aufmerksam, dass bei personenbezogenen Daten eine sachgemäße Archivierung die Löschung der Daten ersetzt. Sie wies außerdem darauf hin, dass kirchliche Archive als Körperschaften öffentlichen Rechts nicht nur dem Kirchenrecht unterliegen, sondern auch an staatliche Richtlinien gebunden sind. Wenn es keine eigenes Musikarchiv gibt, sei zu überlegen die Musikalien und die damit im Zusammenhang stehenden Dokumente in das Archiv einzugliedern, damit sie dort besser geschützt sind.


Alle TeilnehmerInnen zeigten großes Interesse an den angebotenen Kursinhalten. Ausgestattet mit dem Handwerkszeug zum Musikarchivar erhielten sie zum Abschluss ein Zertifikat. Den Abschluss des Kurses bildete eine Führung durch das Musikarchiv von Stift Melk durch Musikarchivar Johannes Prominczel. Mit viel Begeisterung zeigte er seine Sammlung an Instrumenten, an handschriftlichen und gedruckten historischen Notenmaterial und an Drucken. Stolz präsentierte er einige Beispiele seiner erfolgreichen Recherchearbeiten. Zum Glück aber gibt das Musikarchiv auch noch zahlreiche Rätsel auf, die darauf warten, gelöst zu werden!

Farbbalken