"Wenn Du es begriffen hast, ist es nicht Gott" (Augustinus)

Jesuitenkirche Wien, Steinbrener/Dempf & Huber

Dem Thema moderne Kunst und Kirche widmete sich der Arbeitskreis für die Inventarisation und Pflege des kirchlichen Kunstgutes bei seiner 26. Jahrestagung am 16./17. November 2017 in Wien. Rund 60 TeilnehmerInnen aus deutschen und österreichischen Diözesankonservatoraten waren gekommen. Auch das Referat für die Kulturgüter der Orden war als Mitglied des Arbeitskreises vertreten.

Die Sprecherin des Arbeitskreises Monika Tontsch vom Bistum Hildesheim gegrüßte die TeilnehmerInnen. Der Arbeitskreis wurde 1995 für die deutschen Bistümer gegründet und steht im Zusammenhang mit der kirchlichen Invenarisierungsoffensive. Alle Pfarren und kirchlichen Einrichtungen sollten ein Kunst- bzw. Kulturwerteinventar erhalten, so wurde es bereits 1971 vom Heiligen Stuhl angeregt. Nachdem die Diözesen die Pfarrinventarisationen zum Abschluss bringen, haben in den letzten Jahren auch die Klöster verstärkt nachgezogen und mit der Verzeichnung ihres kulturelles Erbe begonnen.

Der Gastgeber der Tagung, das Referat für Kunst und Denkmalpflege der Erzdiözese Wien unter der Leitung von Elena Holzhausen, hat ein interessantes Programm zur Frage der „Implementierung von zeitgenössischer Kunst in historischen Kirchenräumen“ vorbereitet. Künstlerseelsorger P. Gustav Schörghofer stellte die ephemeren Kunstinstallationen in der Jesuitenkirche und der Konzilsgedächtniskirche in Wien vor. Künstlerseelsorge bedeute für ihn, gemeinsame Projekte mit Künstlern zu machen, Künstlerinnen kommen vom Rand der Institution, aber Werke mit künstlerischer Qualität haben auch theologische Tiefe, sagte P. Schörghofer.

Bischof Hermann Glettler sprach über die moderne künstlerische Gestaltung seiner (ehemaligen) Pfarre St. Andrä in Graz, eines vormaligen Dominkanerklosters. Die durchaus auch kontroversiellen Implementationen zeitgenössischer Kunst hatten, so berichtet der Bischof, ihn auch in Diskussionen mit dem Denkmalamt gebracht. Doch er wollte dem „Unerwarteten Raum geben“. Die Kunstgestaltung der Kirche von St. Andrä sei nicht „typisch Kirche“, sie liege jenseits erwartbarer Sakralkunst, gehe an die Grenzen des konventionellen Geschmacks und darüber hinaus, Künstler seien die „Anwälte von morgen“.

Eine Gegenposition vertrat der deutsche Philosoph Dietmar von der Pfordten, der meinte, eine klassische antike Skulptur sei „bedeutsamer“ als die Abstraktheit im Wanddekor von St. Andrä. Er gab einen groben Überblick über die Entwicklung der abendländischen Kunsttheorie und betonte, alle Kunst im Sakralraum müsse sich dem Zweck, eine Beziehung zu Gott als transzendentem Wesen aufzubauen, unterordnen.

Der deutsche Theologe Thomas Sternberg behandelte den Diskurs der Sakralität. Er definierte Sakralität als „eine personale und auf Handlungen ausgerichtete Kategorie“. Die Sakralität einer Kirche beruhe nicht auf ihrer Weihe oder der Präsenz des Allerheiligsten im Tabernakel, sondern die dort gefeierte Liturgie bestimme den Sakralraum. Skeptisch beleuchtete Sternberg Bemühungen, „sakrale Stimmungen“ in einem Kirchenraum zu erzeugen durch Aufstellung von nachgemachten Antiquitäten in Kirchen, die in den 1970er Jahren geleert worden waren. Sakrale Kunst müsse von solcher künstlerischer Qualtität sein, dass sie Ausdruck aus sich selbst entwickle und weder eine reine Illustration von Symbolik sei noch bloß der Schaffung einer vermeintlichen „Atmosphäre der Andacht“ diene. Es gelte, mit künsterlischer Qualität „überzeugende Räume des Angeredet-Seins zu schaffen“.“Wenn Du es begriffen hast, ist es nicht Gott“ (Augustinus).

Zum Thema Denkmalpflege beleuchtete Elena Holzhausen die Schriften des Begründers der Wiener Schule der Kunstgeschichte Alois Riegl. Sie plädierte dafür, seinen Begriff des Kunstwollens auch auf die Denkmalpflege anzuwenden: ein „Denkmalwollen“ müsse auch die zeitgenössische Kunst mit einbeziehen, ansonsten würden wichtige Themen der Gegenwart nur mehr in Ausstellungen künstlerisch verhandelt, aber nicht mehr im Kontext der Kirche.

Der juristischen Seite des Denkmalschutzes widmete sich Christoph Bazil vom Österreichischen Verwaltungsgerichtshof, der Berufungsinstanz für Einsprüche gegen Bescheide des Bundesdenkmalamts. Er führte aus, dass Veränderungen an einem kirchlichen Denkmal gemäß § 5, Abs. 4 des Denkmalschutzgesetzes aufgrund liturgischer Notwendigkeit - betreffend Abhaltung des Gottesdienstes und Teilnahme der Gläubigen - erlaubt werden können. Die Bestätigung der Notwendigkeit erfolgt durch den zuständigen kirchlichen Oberen (Ortsbischof). Seitens des Denkmalamts bzw. des Gerichts müssen die Interessen des Denkmalschutzes gegen Interessen der Nutzung der Kirchenräume abgewogen werden. Bazil bringt als Beispiele die Entfernung der Kommunionbänke in der Wallfahrtskirche Weiz, die Versetzung einer Mariensäule in Mariazell, die den Blick zum Tabernakel versperrte, und die Schaffung eines barrierefreien Zugangs (Lift) zur Wotrubakirche in Wien.

Der Theologe und Leiter des Kulturzentrums bei den Minoriten in Graz hielt ein Plädoyer gegen die „Selbstmusealisierung des Christentums“. Er beklagte, dass das Wissen um die Geschichte und Bedeutung der kirchlichen Kulturgüter gerade bei den kirchlich Engagierten dramatisch abnimmt, dass es zur Sache von Fachexperten wird, die in der Kirchenführung nur mehr die historische und künstlerische Dimension präsentieren, sodass das „musealisierte Christentum am Ende womöglich zu einem Gruselkabinett aus Knochen, Schuldgefühl, Wundergeschichten und Höllenangst wird, dem wir uns Dank von Reformation und Aufklärung entsagt haben.“ Sternberg fragt, ob die „Bildgeschichte Gottes“ abgelaufen sei, keine Bilder mehr in der Glaubenspraxis eingesetzt werden, und beklagt den Mangel einer Bildtheologie. „Werke der Vergangenheit sollen uns nicht überschatten, sondern erleuchten“ (Philippe Jaccottet).

Der Künstler Leo Zogmayer sprach über seine Arbeiten, die besonders bei der Gestaltung liturgischer Orte auf eine Reduktion der Formensprache abzielen. „If you celebrate it, it is art“ (John Cage).

In der Abschlussdiskussion „Wieviel Kunst verträgt die Sakralität und wieviel braucht sie?“ wurde zeitgenössische Kunst gewürdigt als eine Unterbrechung des Alltags und als Gestaltungselement der Liturgie. Die Kirche sei der Gegenwart verpflichtet, wolle sie nicht in die Musealisierungsfalle geraten. Aufgabe der Denkmalpflege sei es, künstlerische und qualitätvolle Äußerungen zu retten.

Im Konferenzteil der Tagung wurde über eine gemeinsame Datenbank als Instrument zur Weitervermittlung liturgischer Geräte und anderer Kirchenausstattungen von profanierten Kirchen und aufgehobenen Klöstern diskutiert. Das Erzbistum Köln hat für die deutschen Bistümer den Aufbau einer solchen Datenbank begonnen.

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